Die Prinzessin und die drei Könige

Maria von Lothringen-Guise, geboren Ende November 1515 in Bar, der Hauptstadt des gleichnamigen Herzogtums, ist die älteste Tochter des Herzogs Claude von Guise und der Herzogin Antoinette von Bourbon. Sie ist die Mutter Maria Stuarts, der schottischen Königin und Titelheldin unzähliger Gemälde, Theaterstücke und Bücher. Einzige Tochter des Königs Jakob V von Schottland, wird Maria Stuart im Dezember 1542 im schottischen Palast von Linlithgow geboren. Mit acht Tagen verliert sie ihren Vater und wird schottische Königin. Im Jahre 1548 schickt ihre Mutter Maria sie nach Frankreich, wo sie am Hof des französischen Königs Heinrich II. und der Königin Katharina von Medici erzogen wird.

Eines der frühesten literarischen Werke, die das Leben von Maria von Guise und das ihrer Tochter am französischen Hof erzählen, dürfte « Die Prinzessin von Clèves » sein, der anonym im Jahr 1678 erschienene Roman von Marie-Madeleine Pioche de La Vergne (1634-1693) oder Madame de La Fayette.

Maria Stuart, Dauphine seit ihrer Heirat im April 1558 mit Franz, dem ältesten Sohn des Königs Heinrich II. von Frankreich, beklagt sich bei der Prinzessin von Clèves, der fiktionalen Heldin des Romans, daß sie am Hof nur mittelmäßigen Einfluß habe. Das läge vor allem daran, fährt Maria fort, daß die Königin Katharina von Medici und die Favoritin des Königs, Diana von Poitiers, sie hassen würden, nicht ihrer selbst wegen, sondern aufgrund ihrer Mutter. Maria von Guise habe in ihrer Jugend den beiden Frauen Anlaß zu Beunruhigung und Eifersucht gegeben, denn Heinrich, damals noch Dauphin, hätte sich in ihre Mutter verliebt. Heinrichs Heirat mit Katharina von Medici war damals noch kinderlos, und der zukünftige König habe sogar daran gedacht, sich von seiner Ehefrau zu trennen und Maria von Guise zu heiraten:

aussi elles [Katharina von Medici und Diana von Poitiers] ne me haïssent qu’à cause de la Reine ma mère, qui leur a donné autrefois de l’inquiétude et de la jalousie. Le Roi en avait été amoureux avant qu’il le fût de Mme de Valentinois [Diana von Poitiers]; et dans les premiers années de son mariage, qu’il n’avait point encore d’enfants, quoi qu’il aimât cette duchesse, il parut quasi résolu de se démarier pour épouser la Reine ma mère [Maria von Lothringen]. [Die Kommentare in Klammern sind von der Autorin dieses Artikels.]

Maria von Guise hatte in Paris im August 1534 Louis von Orléans, den Herzog von Longueville, geheiratet und zwei Söhne von ihm, deren jüngerer einige Monate nach seiner Geburt gestorben war. Im Juni 1537 verlor Maria dann auch ihren erst 26-jährigen Ehemann. Die verwittwete Herzogin von Longueville war wieder frei zum Verheiraten, fährt die Maria Stuart des Romans gegenüber der Prinzessin von Clèves fort. Diana von Poitiers habe daher mit dem Connétable Anne de Montmorency einen Pakt geschlossen und auch König Franz I., den Vater des zukünftigen Königs Heinrich, ihren Liebhaber, überzeugt, sich die unangenehme Konkurrenz vom Leibe zu schaffen. Der französische König könne Diana zwar nicht leiden, hätte jedoch Katharina von Medici unterstützen wollen und habe daher beschlossen, die verwitwete Herzogin von Longueville an König Jakob den Fünften zu verheiraten, so Maria Stuart zur Prinzessin von Clèves. Der schottische Monarch hatte im Januar 1537 in Paris die französische Prinzessin Madeleine geheiratet, Heinrichs jüngere Schwester, die jedoch wenige Monate nach ihrer Ankunft in Schottland mit nur sechzehn Jahren verstorben war. Die Prinzessin von Clèves erfährt weiterhin von Maria Stuart, daß deren Mutter eigentlich dem englischen König Heinrich dem Achten versprochen worden war, der sie innigst begehrte:

pour lui [Heinrich II. von Frankreich] ôter absolument la pensée d’épouser la Reine ma mère, ils firent son mariage avec le roi d’Écosse [Jakob V. von Schottland], qui était veuf de Mme Magdeleine, sœur du Roi, et ils le firent parce qu’il était le plus prêt à conclure, et manquèrent aux engagements qu’on avait avec le roi d’Angleterre [Heinrich VIII.], qui la souhaitait ardemment.

Maria Stuart schließt ihr Gespräch mit der Prinzessin von Clèves mit der Bemerkung, ihre Mutter sei damals – in den Jahren 1537 und 1538 – eine perfekte Schönheit gewesen, und es sei doch bemerkenswert, daß sie als Witwe des Herzogs von Longueville, einer hochgestellten Persönlichkeit am französischen Hof, von drei Königen umworben worden war: vom englischen König Heinrich VIII., vom schottischen König Jakob V. Stuart und von Heinrich, der in Wirklichkeit jedoch erst im Jahre 1547 französischer König wurde. Leider habe ihr Unglück sie an den geringsten der drei königlichen Kandidaten gegeben, bedauert Maria Stuart, und ihre Mutter in ein Königreich gebracht, in dem sie nur Mühsal fände.

Il est vrai aussi que la Reine ma mère, était une parfaite beauté, et que c’est une chose remarquable que, veuve d’un duc de Longueville, trois rois aient souhaité de l’épouser; son malheur l’a donné au moindre et l’a mise dans un royaume où elle ne trouve que des peines.

In der Tat verbrachte Maria von Lothringen den Großteil ihres Lebens in Schottland in sehr schwierigen Umständen. Nur knapp über zwei Jahre, von Februar 1540 bis Dezember 1542, war sie dessen Königin und mußte nach dem Tod ihres Ehemannes im Dezember 1542 um ihre Stellung, ja um ihr Leben und das ihrer kleinen Tochter fürchten. Nach bewegten Jahren in Schottland und einer Reise nach Frankreich in den Jahren 1550-1551 wurde Maria von Lothringen schließlich im April 1554 zur Regentin von Schottland ernannt. Von Jahr zu Jahr jedoch wurde ihr Königreich mehr vom Krieg mit England, von Religionskonflikten, politischen Spannungen und Rivalitäten innerhalb des schottischen Adels gebeutelt. Krank, isoliert und moralisch geschwächt von jahrelangem Druck und unaufhörlichen diplomatischen Anstrengungen, zog sich die Regentin im April 1560 in die Festung Edinburgh zurück, nachdem sie im Vorjahr vom schottischen Parlament offiziell abgesetzt worden war. Maria von Lothringen-Guise starb im Juni 1560 in Edinburgh im Alter von 44 Jahren.

Die französischen Zitate dieses Artikels stammen aus der Taschenbuchausgabe der Princesse de Clèves von Madame de Lafayette. Éditions Gallimard (folio classique).

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