Klein, aber fein – die Ausstellung « En garde! » der Humanistischen Bibliothek von Sélestat

Die Olympischen Sommerspiele von Paris 2024 sind nicht nur eine sportliche Megaveranstaltung, sie haben auch Auswirkungen auf Gesellschaft und Kultur in Frankreich (und überall sonst natürlich). Eine ganze Welle von Events und Ausstellungen begleitet die „JO“ (Jeux Olympiques), viele in Paris selbst, andere in entfernteren Regionen. Im Elsass war die Stadt Colmar etwa seit Sommer 2021 Vorbereitungszentrum für Paris 2024, unter anderem für die Disziplin Fechten. Für einen kleineren elsässischen Ort in der Nähe von Straßburg ist sie dieses Jahr Anlass für eine kleine, aber feine Präsentation. Die Humanistische Bibliothek der Stadt Sélestat organisiert bis zum 10. November 2024 die Ausstellung „En garde!“, die sich mit der Wechselbeziehung zwischen historischer Wirklichkeit und literarischer und fiktionaler Darstellung des Fechtens beschäftigt. Neben der Ausstellung selbst gibt es Ausstellungsführungen, Videospiele für Kinder, Filmvorführungen, Workshops rund ums Fechten, Theater, eine Podiumsdiskussion Ende September und „En jeu!“, ein interaktives Fechtspiel.

Interaktives Fechtspiel (oben links), Ausstellungsraum mit Musketierfigur (oben rechts) und Rapier « Pappenheimer » (17. Jhd., links im Bild). Photos © Annette Bächstädt

Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten ist Fechten eben nicht nur Sport. Das Wort allein weckt Bilder von Duellen, von König Artus und Excalibur, von Piraten, Büchern und Filmen wie Tolkiens Herr der Ringe, Figuren wie Robin Hood und Zorro oder Fernsehserien wie Game of Thrones. Vieles, was Schwerter und Fechten betrifft, ist von Mythen und Geschichten umgeben und hat oft mit der Realität eines Schwert-, Degen- oder Säbelkampfes wenig zu tun. Das ist es aber, was das Fechten so besonders macht und was in der kleinen Ausstellung in Sélestat zur Sprache kommt. Der Ansatz ist literarisch und historisch, wenn auch nicht so weit in die Geschichte zurückgegangen wird, wie es die Webseite der Olympischen Spiele Paris 2024 tut. Die Übersetzungen sind dort leider nicht immer sinnvoll, wie das folgende Beispiel zeigt: „Der Schwertkampf wird schon seit Jahrtausenden praktiziert, wie die in einem Tempel in der Nähe von Luxor gefundenen Schnitzereien zeigen, die aus der Zeit um 1190 v. Chr. stammen und Fechter darstellen“. Es sind natürliche keine „Schnitzereien“, sondern Reliefs, und es sind auch keine Schwerter, sondern Stöcke, die man auf einem der Reliefs am Totentempel von Ramses III. (1184-1153 v. Chr.) in Medinet Habu (Theben-West) sehen kann, und die mit der modernen Sportart ebenfalls wenig zu tun haben.

Joachim Meyer, Gründtliche Beschreibung der freyen Ritterlichen unnd Adelichen kunst des Fechtens, 1570. Sélestat, Bibliothèque Humaniste, K161.

Photo © Annette Bächstädt

Wesentlich mehr zu tun haben Schwerter mit der Renaissance, denn im 16. Jahrhundert begann die theoretische Betrachtung des Fechtens. Eines der wichtigsten Werke dieser Zeit ist Joachim Meyers Gründtliche Beschreibung der freyen Ritterlichen unnd Adelichen kunst des Fechtens, eine im Jahre 1570 erschienene Abhandlung, die Meyer dem Pfalzgraf bei Rhein Johann Casimir von Zweibrücken (1542-1592) widmete. Das heute relativ seltene Buch des Autors, ein Freifechter und Bürger von Straßburg, enthält viele in didaktischer Weise gestaltete Gravuren und behandelt verschiedene Waffenarten und auch das Ringen (hier im Originaltext): „Erstlich das schwerdt als ein fundament alles Fechtens. Der Dusacken. Das Rappier. Dolchen/Ringen. Halbe Stangen. Helleparten. Der lange Spieß“.

Nach diesem ersten Teil, der den Fechtabhandlungen gewidmet ist, folgen im Hauptraum einige Drucke des Lothringer Radierers Jacques Callot (1592-1635). Filmposter und kostümierte Figuren illustrieren dort den Begriff „Panache“, abgeleitet vom italienischen Wort pennachio (Helm- oder Federbusch). In dieser ursprünglichen Bedeutung erscheint er um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich, bekommt seine moderne Bedeutung eines glanzvollen Auftretens – avoir du panache, avec panache – aber erst in der französischen Literatur gegen Ende des 19. Jahrhunderts, besonders beim Bühnenautor Edmond Rostand (1868-1918) und seiner berühmten Heldenfigur mit der unübersehbaren Nase, scharfen Zunge und Degenklinge, Cyrano de Bergerac. Das Ende der Ausstellung bilden moderne und zeitgenössische Darstellungen von Musketieren und Schwertkämpfern in Comics und Filmen. Und da Sie schon einmal hier sind, gehen Sie unbedingt in den ersten Stock und sehen Sie sich die Ausstellung und einmalige Bücher- und Manuskriptsammlung der Humanistischen Bibliothek von Sélestat an.

Ausstellung « En garde! L’escrime entre réalité historique et fiction littéraire », bis zum 10. November 2024 in Sélestat (Elsaß). Zugverbindung ab Straßburg (20 Minuten Fahrzeit), vom Bahnhof Sélestat sind es dann etwa 15 Minuten zu Fuß bis zur Bibliothèque Humaniste.

2 Commentaires

  1. Avatar de jpbrx

    Merci pour cette info. Excellente initiative et programme alléchant ; l’escrime n’est pas souvent illustrée dans les programmes culturels. Félicitations aux organisateurs de Colmar et Sélestat !

  2. Avatar de AnneBach

    Merci de votre retour ! Oui, c’est une belle petite exposition qui diffère de celle du Musée de l’Armée, très intéressante aussi, « Duels. L’art du combat » : https://www.musee-armee.fr/au-programme/expositions/detail/duels-lart-du-combat.html. Connaissez-vous Sélestat et la Bibliothèque Humaniste ? Pour un(e) passionné(e) de la Renaissance, des humanistes et des livres, c’est un petit paradis !

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